Südkurier  05.07.2008

Wer plötzlich doppelt sieht

Jedes Jahr erleiden rund 200000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall.
Jeder Vierte stirbt innerhalb des ersten Jahres. Selten kommt der Schlaganfall
aus heiterem Himmel. Für Joachim Liepert, Ärztlicher Leiter Neurorehabilitation
der Kliniken Schmieder Allensbach, ist die Vorbeugung besonders wichtig.

 
Sehstörungen auf einem Auge oder Doppelbilder können auf einen Schlaganfall hindeuten.
Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Erkrankungen im Zusammenhang mit
unseren Blutgefäßen. Wo liegen hierfür die Ursachen?

Risikofaktoren sind hoher Blutdruck, hohe Blutfette, eine Blutzuckererkrankung, das Rauchen,
Übergewicht oder Bewegungsarmut, man könnte von Wohlstands- oder Zivilisationskrankheiten
sprechen. Aber auch vom Herzen können Gerinnsel ausgehen, die einen Schlaganfall hervorrufen.
Auch besteht ein erbliches Risiko.
 
Was passiert genau bei einem Schlaganfall?

Meist ist der Auslöser eine Mangeldurchblutung, Ischämie, des Gehirns oder aber eine Hirn-
blutung. Das Gehirn wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, und innerhalb von
ganz kurzer Zeit sterben Nervenzellen ab - wenn man so will schlagartig. Es kommt zum Zell-
tod. In Randbereichen eines mangelversorgten Gehirnareals ist die Blutzufuhr zwar auch deutlich
reduziert, aber die Zellen stellen, da noch ein Mindestmaß an Sauerstoff und Nährstoffen trans-
portiert wird, ihre Tätigkeit nur vorübergehend ein. Gerade diese Areale können bei frühzeitiger
Therapie noch gerettet werden.

Gibt es Hirnregionen, die besonders häufig von einem Schlaganfall betroffen sind?

Ja, aber grundsätzlich kann jede Hirnregion betroffen sein. Mit der bildgebenden Diagnostik,
Computer- oder Kernspintomographie, kann der Neurologe schnell die Region lokalisieren.
Auch aus den Symptomen lassen sich rasch Rückschlüsse auf die betroffenen Regionen ziehen.
 
Wie kann man einen Schlaganfall erkennen, gibt es Zeichen, die darauf hindeuten?

Oft, aber bei weitem nicht immer verläuft ein Schlaganfall für alle Beteiligten dramatisch.
Typischerweise treten Ausfallserscheinungen plötzlich auf. Vorübergehende Funktionsstörungen
können sich im Vorfeld bemerkbar machen, z.B. Sehstörungen auf einem Auge, Lähmungs-
erscheinungen eines Armes oder einer Gesichtshälfte, Gefühlsstörungen im Bereich des Gesichts,
des Armes oder des Beines, Sprachstörungen bei Wortfindung und Verstehen, oder auch Doppel-
bilder. Hier sollte unverzüglich der Rettungsdienst über "112" alarmiert werden.
 
Trifft es vorwiegend ältere Menschen oder gibt es auch junge Betroffene?

Meistens sind es ältere Menschen, doch ein Schlaganfall kann in jedem Lebensalter auftreten.
Bei jüngeren Menschen sind es oft Verletzungen von Blutgefäßen, so genannte "Dissektionen",
die schwer festzustellen, schwer zu diagnostizieren sind. Sie entstehen oftmals spontan, können
aber auch durch Sportunfälle oder einen Auffahrunfall hervorgerufen werden. Weitere Ursachen
können ein großes Loch in einer Herzwand oder auch Herzklappenentzündungen oder Gefäß-
entzündungen sein, aber auch angeborene Blutgerinnungsstörungen können Schlaganfälle ver-
ursachen.
 
Wie kann ich vorbeugen?

Entscheidend sind hier das Wissen und die Aufklärung sowie ein aktives Vorbeugen. Durch eine
gesunde und ausgewogene Lebensführung können Gefäßerkrankungen verringert werden, durch regelmäßige Bewegung, Sport oder gesunde Ernährung. Von großer Bedeutung ist ebenfalls,
dass Patienten rechtzeitig auf eine neurologische stroke unit (Schlaganfall-Einheit) eingeliefert
werden, wo eine optimale Versorgung stattfinden kann. Wenn dies geschieht, können häufig
Dauerschäden vermieden werden, die nicht nur den Menschen selbst, sondern auch dessen ge-
samtes soziales Umfeld stark belasten können. Gerade bei der flächendeckenden Versorgung
durch die stroke units wurden lokal und regional in der Notfallversorgung seit den 1990er Jahren
große Fortschritte gemacht.
 
Wie äußern sich die Belastungen des Umfeldes?

Über ein Drittel der Patienten mit Schlaganfall entwickeln früher oder später eine Depression,
die häufig behandlungsbedürftig ist. Aber das Problem betrifft auch die Angehörigen, die viel
Zeit und Energie investieren, um die Betroffenen zu versorgen.
 
Warum ist die rasche Erstversorgung so wichtig?

"Time is brain" ist hier ein feststehender Begriff. In einem 3-Stunden-Zeitfenster lassen sich
gute Behandlungsergebnisse erzielen; in dieser Zeit kann noch nicht vollkommen abgestorbenes
Gehirngewebe gerettet werden. Beginnt die Erstversorgung sehr viel später, ist oft Hirngewebe
für immer verloren, abgestorben, der Grad der bleibenden Behinderungen und Beeinträchtigungen
wird ansteigen.
 
Die Bevölkerungspyramide entwickelt sich in den nächsten Jahrzehnten zu einer
Zwiebel.
Welche Auswirkungen hat dies auf die Schlaganfall-Häufigkeit?

Die demographische Entwicklung wird eine zunehmend ältere Bevölkerung schaffen. Damit
wird auch die Häufigkeit von Schlaganfällen ansteigen. Dies wird zu einem Mehr an Betroffenen
führen, zu Belastungen in den Familien und auch der medizinischen Einrichtungen und zu Kosten,
die für die Behandlung von der Gesellschaft bereitgestellt werden müssen.

Fragen: R. Papenberg